Das Phänomen hinter dem Skeptiker
Myside Bias
Myside Bias ist die Neigung, Belege so zu prüfen, dass sie die eigene Position stützen: Wir suchen, gewichten und erinnern bevorzugt, was für uns spricht. Der Effekt ist robust und tritt selbst bei intelligenten, gebildeten Menschen auf.
Myside Bias (dt. „Eigene-Seite-Verzerrung") beschreibt die Neigung, Belege so zu suchen, zu gewichten und zu erinnern, dass sie die eigene Position stützen. Das Besondere an diesem Effekt: er tritt nicht nur bei Menschen auf, die sich für geschlossen oder dogmatisch halten — sondern auch und besonders bei denen, die sich für offen und kritisch halten. Keith StanovichKanadischer Kognitionspsychologe. Er prägte „Active Open-Minded Thinking" — die Bereitschaft, die eigenen Annahmen aktiv zu prüfen.Mehr erfahren (öffnet in neuem Tab) zeigen eine überraschende Lücke zwischen Selbstbild und Verhalten.
Wie es funktioniert
Wenn jemand eine Überzeugung mit hoher emotionaler Bindung hat — eine politische Haltung, eine Einschätzung einer Person, eine Ansicht über ein kontroverses Thema — beginnt das Denken auf drei Ebenen, diese Überzeugung zu schützen.
Suchen: Beim Recherchieren folgt die Aufmerksamkeit häufiger Quellen, die die eigene Position stützen, weil intuitiv in Richtungen weitergesucht wird, die Bestätigung versprechen. Gegenläufige Quellen kommen seltener zum Vorschein — nicht weil sie nicht existieren, sondern weil sie nicht aktiv angesteuert werden.
Gewichten: Wenn auf beiden Seiten Argumente auftauchen, wird das Argument für die eigene Position großzügiger bewertet: die Methode klingt solide, die Stichprobe ausreichend, die Schlussfolgerung plausibel. Das Gegenargument hingegen aktiviert Skeptizismus — die kleinen Mängel der Studie fallen auf, die Verallgemeinerbarkeit erscheint fraglich, Interessenkonflikte werden vermutet. Nicht weil das bewusst geschieht, sondern weil das Standard-Werkzeug des kritischen Denkens selektiv eingesetzt wird.
Erinnern: Was später abgerufen wird, ist nicht das neutrale Protokoll der Begegnung mit einem Thema. Was die eigene Haltung gestützt hat, bleibt stärker im Gedächtnis. Gegenbelege verblassen schneller.
Diese drei Mechanismen zusammen erzeugen einen stabilen Rückkopplungskreis: Die Überzeugung fühlt sich immer besser belegt an, weil das Material, das sie nährt, unbewusst selektiert wird. Die Forschung zu Keith StanovichKanadischer Kognitionspsychologe. Er prägte „Active Open-Minded Thinking" — die Bereitschaft, die eigenen Annahmen aktiv zu prüfen.Mehr erfahren (öffnet in neuem Tab) bezeichnet das als „myside thinking" — ein Denken, das die eigene Seite bevorzugt, ohne dass es sich so anfühlt.
Woran man es erkennt
Myside Bias ist schwer zu sehen, weil er sich nicht nach Verzerrung anfühlt. Er fühlt sich nach normalem Denken an.
Im Gespräch: Jemand bringt ein Argument gegen eine feststehende Überzeugung. Der erste Impuls ist nicht Neugier, sondern die Suche nach dem Haken: Woher kommt die Quelle? Wie groß war die Studie? Ist das verallgemeinerbar? Das sind prinzipiell gute Fragen — aber stellen wir sie mit derselben Intensität, wenn eine Studie unsere Haltung stützt?
Beim Lesen: Man teilt einen Artikel, weil er „genau das zeigt, was man schon immer gedacht hat" — nicht weil man ihn besonders gründlich geprüft hat. Das Gefühl der Bestätigung ersetzt die Prüfung.
In einer Debatte: Argumente für die eigene Seite sind viele verfügbar. Gegenargumente lassen sich benennen — aber meist in einer Form, die man bereits für widerlegbar hält. Wann wurde zuletzt ein Gegenargument formuliert, das man selbst für stark hielt?
Rückblickend: Menschen erinnern die Schlüsselargumente einer Diskussion selektiv. Was notiert oder weitererzählt wurde, entspricht selten dem neutralen Protokoll beider Seiten — sondern eher dem, was zur eigenen Haltung passte.
Was die Forschung zeigt — und wo die Grenze ist
Der Befund: robust, über viele Labore bestätigt
Myside Bias ist einer der am besten replizierten Effekte in der Kognitions- und Sozialpsychologie. Er tritt in Argumentations-Aufgaben auf, in der Bewertung wissenschaftlicher Artikel, in der Beurteilung politischer Policies, in der Einschätzung von Wahrscheinlichkeiten und in der Erinnerung. Der Effekt ist nicht auf bestimmte Themen oder Gruppen beschränkt.
Das überraschende Herzstück: das AOT-Decoupling
Die kontraintuitivste Entdeckung kommt aus mehr als 25 Jahren Forschung von Keith StanovichKanadischer Kognitionspsychologe. Er prägte „Active Open-Minded Thinking" — die Bereitschaft, die eigenen Annahmen aktiv zu prüfen.Mehr erfahren (öffnet in neuem Tab) und seinen Mitforschenden: Die Disposition zu „aktiv offenem Denken" (Active Open-Minded Thinking Die Bereitschaft, die eigenen Annahmen aktiv zu prüfen und Gegenbelege zu suchen, statt nur Bestätigung zu sammeln (Keith Stanovich)., kurz AOT) — also die Bereitschaft, die eigenen Annahmen zu prüfen und Gegenbelege ernst zu nehmen — korreliert praktisch nicht mit der tatsächlichen Vermeidung von Myside Bias.
Stanovich und Toplak schreiben 2023 direkt: AOT-Skalen seien starke Prädiktoren für Leistung auf Heuristik-und-Bias-Aufgaben, „they do not predict the avoidance of myside thinking, even though it is virtually the quintessence of the AOT concept." Keith StanovichKanadischer Kognitionspsychologe. Er prägte „Active Open-Minded Thinking" — die Bereitschaft, die eigenen Annahmen aktiv zu prüfen.Mehr erfahren (öffnet in neuem Tab)
Das bedeutet: Wer bei einem Fragebogen hoch darin punktet, wie offen er für neue Belege ist, zeigt im Labor nicht weniger Myside Bias als andere. Die Lücke zwischen Selbstbild und Verhalten ist messbar.
Mehrere unabhängige Forschungsgruppen kommen zum selben Befund: AOT-Werte korrelieren zwar mit Parteiidentifikation, aber nicht mit der Vermeidung von Myside Bias in konkreten Argumentationsaufgaben.
Resistent gegen Intelligenz und Bildung
Ein zweiter überraschender Befund: Myside Bias ist weitgehend unabhängig von Intelligenz und Bildungsniveau. Die Forschung zeigt, dass hochgebildete, kognitiv leistungsfähige Menschen nicht systematisch weniger Myside Bias zeigen als andere — Intelligenz und Bildungsstatus sind kein Schutzfaktor.
Das klingt ernüchternd — ist aber auch präzise: Intelligenz hilft, besser zu recherchieren, zu argumentieren und Widersprüche zu erkennen. Was sie nicht automatisch tut: sie bricht nicht die selektive Verwendung dieser Fähigkeiten zugunsten der eigenen Seite.
Wo die Grenze des Befundes liegt
Zwei Einschränkungen sind ehrlich zu benennen.
Erstens — Domänen-Unspezifität: Myside Bias zeigt nach aktuellem Forschungsstand wenig Generalisierbarkeit über Themen hinweg. Wer bei einem kontroversen Thema stark biased ist, ist das nicht zwangsläufig bei einem anderen. Stanovich (2021) schlägt vor, dass es möglicherweise nicht Personen sind, die sich durch mehr oder weniger Myside Bias auszeichnen, sondern Überzeugungen, die sich in ihrer Widerstandsfähigkeit gegen Widerspruch unterscheiden. Das ist eine wichtige Nuance: Der Effekt ist robust im Durchschnitt, aber die individuelle Varianz ist hoch.
Zweitens — Normativität: Myside Bias ist nicht per se irrational. Wenn die bisherigen Belege gut sind und jemand auf ihrer Basis prüft, ist das kognitive Haushalten, keine Pathologie. Die Forschung zeigt auch, dass manche Formen des myside thinking unter bestimmten erkenntnistheoretischen Modellen als rational verteidigt werden können. Der kritische Punkt ist nicht, dass jede Bevorzugung der eigenen Seite schlecht ist, sondern dass das Ausmaß dieser Bevorzugung oft die Qualität der verfügbaren Belege übersteigt.
Verbindung zum Denkstil „der Skeptiker"
Der Denkstil, den wir den Skeptiker nennen, ist genau dort am verwundbarsten, wo er sich am sichersten fühlt. Der Skeptiker zeichnet sich durch das Prüfen aus: nicht einfach hinnehmen, nach Quellen fragen, Studien bewerten, innehalten. Das ist eine echte Stärke.
Das AOT-Decoupling zeigt allerdings: Die Disposition zur Offenheit und die tatsächliche Anwendung dieser Offenheit bei stark valenten, persönlich bedeutsamen Überzeugungen klaffen auseinander. Wer sich als kritisch und evidenzorientiert versteht, läuft besonders Gefahr, diesen Blind-Spot zu übersehen — weil das Selbstbild keinen Anlass gibt, misstrauisch gegenüber der eigenen Prüfpraxis zu sein.
Das ist kein Vorwurf. Es ist ein strukturelles Merkmal des Effekts. Myside Bias greift besonders da, wo Überzeugungen emotionale Bindung und Identitätsnähe haben — ein Muster, das die Forschung quer durch alle Gruppen und Denkstile findet.
Quellen
- Stanovich, West & Toplak (2013): Myside Bias, Rational Thinking, and Intelligence. Current Directions in Psychological Science, 22(4), 259–264.
- Stanovich & Toplak (2023): Actively Open-Minded Thinking and Its Measurement. Journal of Intelligence, 11(2), 27. PMC open access.
- Stanovich, K. E. (2021): The Bias That Divides Us: The Science and Politics of Myside Thinking. MIT Press.
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